January 3, 2009

Schnäppchenjagd, Ökobilanz und Gedankenlosigkeit

Im sogenannten Dreiland, dem Grenzgebiet von Schweiz, Frankreich und Deutschland gibt es so einige "Wettbewerbsvorteile" für die dort lebenden Menschen. Von der unvergleichlichen Landschaft mal abgesehen ist es rein finanziell wirklich attraktiv, die drei Länder gegeneinander auszuspielen. Leben in Frankreich oder der Schweiz (wegen der Steuern), arbeiten in der Schweiz (Einkommensmaximierung) und Einkaufen in Deutschland, Aldi & Co. sei Dank.

Ganz besonders attraktiv ist natürlich, daß Personen, die in der Schweiz leben, sich an der Grenze auch noch die in Deutschland gezahlte Mehrwertsteuer für Ihre Einkäufe erstatten lassen können.

So bekommt man den Tag garantiert immer anregend rum, denn ein Schnäppchen kann man so überall machen. Und das bißchen Stau am Autobahnzoll, oder die Autoschlangen, die sich durch Riehen oder durch Kleinhüningen quälen, gehören da einfach dazu.

Natürlich, diese Sicht der Dinge kann nur ein Deutscher haben, der in Deutschland lebt und arbeitet. Der damit von einigen dieser Privilegien ausgenommen ist. Ist das so?

Nun ja, privilegiert kann man auch in Deutschland sein. Landschaft: Prima. Essen: super. Einkaufen, auch Bio: gleich auf der anderen Strassenseite, fußläufig. Infrastruktur: in angenehmer Entfernung alles vorhanden.

Also, was soll dann das Genöle?

There is no free lunch.

Jeder, der sich oben beschriebene Arbitrage-Effekte zunutze macht, verschafft sich Vorteile. Das ist auch völlig in Ordnung. Einige dieser Vorteile gehen jedoch zu Lasten anderer.

  • Wer sich der Steuerpflicht eines Landes entzieht, obwohl er dessen Infrastruktur nutzt, belastet die übrigen, die dies nicht tun, stärker.
  • Wer sich glücklich schätzt, bei der "Butter-Fahrt" aus der Schweiz nach Deutschland auch noch günstiger an Bio-Lebensmittel zu kommen, am besten Demeter, übersieht, daß er durch die teilweise 10km Anfahrt einen gut Teil der positiven Ökobilanz der Bio-Lebensmittel zunichte gemacht hat.
  • Überhaupt die Öko-Bilanz: Wenn jeden Tag auch nur 1000 Basler PKWs nach D zum Einkaufen fahren, sind das bei 10 gefahrenen Kilometern gleich mal 10.000 km pro Tag. Bei 10Litern Spritverbrauch auf 100 km sind das 1000Liter Treibstoff. Jeden Tag. Und 1,8 Tonnen CO2. Bei 300 Shopping-Tagen sind das 300.000 Liter im Jahr. Verblasen wegen ein bißchen Kostenvorteil. Für oftmals schlechteres Essen. Da braucht es keine Hybridautos oder sonstige High-Tech-Anstrengungen. Da reicht Umdenken. Von der durch kürzere Wege gesparten Lebenszeit will ich gar nicht reden.
  • Daß die Basler Einzelhändler über die Kaufkraft, die nicht bei ihnen, sondern auf der anderen Seite der Grenze eingesetzt wird, nicht glücklich sind, ist klar. Da müssen dann natürlich die Preise steigen, oder die Einkaufspreise gedrückt werden. Nur, Einkaufspreise drücken bedeutet, daß Erzeuger weniger bekommen. Und irgendwo, am Ende dieser Kette, arbeiten Menschen, die aus Kostengründen weniger Gehaltserhöhung bekommen. Oder noch qualifizierter sein müssen, um in dem kompetitiven Umfeld bestehen zu können. Wer also Geld sparen will, dreht sich in letzter Konsequenz den eigenen Geldhahn zu.

Worum es am Ende geht: Irgendwer zahlt immer die Zeche. Und auch wenn wir meinen, daß wir jetzt aber wirklich mal besonders clever waren, kann es uns doppelt und dreifach treffen. Die Finanzkrise ist einfach das beste Beispiel: Die Gier der Banker ist am Ende kein Deut verwerflicher als die Gier der vielen Kleinanleger oder Hausbauer, die meinten, den dargebotenen Vorteil, den Superzins, was auch immer, gebe es umsonst.

Müssen wir jetzt zum Radikal-Öko werden, nur noch Radfahren und kratzige Wollsocken aus heimischer Produktion tragen? Nope. Aber jeder sollte sich des eigentlichen Preises bewußt sein, den er zahlt.

Mein jährlicher CO2-Footprint liegt bei ca. 12 Tonnen. Weil ich immer noch ca. 30TKM PKW fahre. Ich könnte noch mehr Zug fahren. Dann könnte ich aber weniger Termine wahrnehmen, und es ist wahnsinnig lästig, die letzten 50km von einem ICE-Bahnhof aus mit Bummelzügen zu fahren. Da ist der Mietwagen viel bequemer. Diese 30TKM verursachen bei einem Diesel mit 8 Liter Verbrauch 6,48 Tonnen CO2. Der Preis der Bequemlichkeit und des Komforts. Selber nachrechnen? Hier.

Posted by tilman.haerdle at January 3, 2009 9:08 PM
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