March 27, 2007

ADC-Awards 2007

Funktionierende Werbung

Als Ehemann einer Werberin kommt man nicht umhin, öfters mal in intensiven Kontakt mit der Werbeszene zu geraten. So auch vergangenes Wochenende, als wir die Verleihung der ADC-Awards und die anschliessende After-Show-Party besuchten. Für 170 EUR Eintritt (ja, drei Stellen, eins-sieben-null, pro Person) dürfte man ja auch eigentlich eine Show der Superlative erwarten, Essen vom Feinsten und eine Party, die jeder Beschreibung spottet.

Nun ja: Die Werbung hat funktioniert, wir haben die Eintrittskarten gekauft und sind hingegangen.

Die Award-Verleihung war auch technisch gesehen wirklich perfekt. Die multimediale Präsentation der preisgekrönten Werbungen war mehr als gelungen und die Preisträger haben ihre Preise sicher mit der selben Berechtigung erhalten wie Oscar-Preisträger. Fehlentscheidungen kommen vor, bewegen sich jedoch innerhalb der Bandbreite persönlicher Vorlieben, die nunmal auch Jurymitglieder haben. Computer: 100% MacBook (Pro)

Soweit zum Positiven.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Thorsten Schorn, einem 1Live-Moderator, der versuchte, auf den Spuren von Billy Crystal zu wandeln und mit (improvisierter?) Stand-Up-Comedy Stimmung in den Saal bringen sollte. Das gelang teilweise, scheiterte jedoch auch öfters und der eher schnoddrige Moderationsstil trug seinen Teil dazu bei, daß die eigentliche Übergabe der Preise eher dem Austeilen von Essensmarken als einer Preisverleihung glich. Gut, daß die Preisträger mitzogen und ihre "Nägel" mehrheitlich "en passant" abgriffen, gelangweilt-verlegen auf dem Podium standen und nur ganz wenige Preisträger mal das Wort ans Publikum richteten. Da die Zeit auch so knapp bemessen war - eigentlich wollten offensichtlich alle gleich mit der Party anfangen - war auch keine Zeit für mehr. Glamour? Emotion? Weitgehend Fehlanzeige. So kam es, daß bis auf einige herausragende Juryvorsitzende eigentlich niemand in Erinnerung blieb. Und damit war die Award-Zeremonie nach 3 dahinplätschernden Stunden auch schon vorbei.

Die After-Show-Party war da mit Sicherheit gelungener. Partys stehen und fallen mit der Anzahl und Zusammensetzung der Leute, die man kennt und kennenlernt und hier boten sich genügend Gelegenheiten. Reichlich unbemerkt fand der Auftritt eines Duos mit dem Namen "Morgen" statt (selten einen Bandnamen getroffen, der weniger gut geeignet ist, um auf Google gefunden zu werden... Schlecht für Newcomer). Introvertierter Computerfreak plus süßes Mädchen, das sang wie Björk und sich bewegte wie Joe Cocker. Die Musik war besser als es diese Beschreibung vermuten läßt. Hinterher ein DJ, der es schaffte, auch aus normaler Popmusik wummernde Bassorgien zu generieren. Doch auch eher mußte dem Bedürfnis nach Mainstream seinen Tribut zollen. Und das in Berlin, wo die Elektro-Musik-Szene so exquisit ist.

Essen und Trinken? Unspektakulär, ein nettes Buffet halt, ohne jedoch irgendwelche AHA-Erlebnisse auszulösen. Buffets sind sowieso derart lustfeindlich, daß selbst ausgezeichnetes Essen nur halb so gut schmeckt, weil man selbst für die Darreichung auf dem Teller verantwortlich ist und dank langer Schlangen der Teller unweigerlich mit Bergen von Essen beladen wird, um nicht mehrfach anstehen zu müssen. Imbiß im Stehen... Getränke gab's auch, genügend, und Currywurst: mieser Chef, tolle Wurst.

Zusammengefasst ist diese Veranstaltung mit Sicherheit ein nettes Klassentreffen für die Kreativabteilungen der großen Agenturen. Als Branchenfremder ist man eher deplaziert, auch wenn man durch den einmaligen Besuch der Veranstaltung einiges lernt. Und wer auch in Deutschland Glamour haben will, der muß nur mal sehen, wie Echo, Bambi und Konsorten abgewickelt werden. Ein Schelm, wer jetzt denkt, daß gerade die Werber keinen Sinn für Dramatik haben.

Sascha Lobo war übrigens auch kurz da, aber er hat noch nicht mal drüber geschrieben, wenn ich das richtig mitbekommen habe.

Daß es auch besser geht, zeigten die von uns besuchten Pre- und After-Show-Partys an den Tagen davor und danach. Nette, loungige Events in schönen Büros, man fühlt sich versucht, sie als Lounge-Office zu beschreiben, und fühlt sich wohl.

Posted by tilman.haerdle at March 27, 2007 9:59 PM