April 22, 2010
Umzug
Der Zweitblog existierte schon lange, und ich möchte in Zukunft nicht nur aus technischen Gründen nur noch einen Blog betreiben. Dieser ist zu finden unter http://tilman.wordpress.com/
Ab sofort finden hier keine Eintragungen mehr statt. Mag sein, dass ich erhaltenswerte Postings rübermigriere, auf absehbare Zeit werde ich diesen Blog löschen.
Ich wundere mich retrospektiv, was ich früher so alles von mir gegeben habe. In 10 Jahren von jetzt an wird es mir mit meinen aktuellen Postings wahrscheinlich ähnlich gehen.
April 18, 2010
Raus aus Afghanistan?
Nach den jüngsten Todesfällen flammt erneut die Diskussion um die Sinnhaftigkeit des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan auf. Der Tod der Soldaten wirft zum wiederholten Male die Frage auf, ob ein Abzug der Truppen nicht angebracht wäre, weil die Verluste an Menschenleben den angeblichen Nutzen der Mission nicht rechtfertigen. Ist das so?
Meines Erachtens haben wir hier 2 getrennte Aspekte zu erörtern: Die generelle Sinnhaftigkeit des Afghanistan-Einsatzes und die Frage nach dem Preis in Form von Menschenleben, den man für diesen Einsatz zu zahlen bereit ist.
Die Sinnhaftigkeit ist meines Erachtens nicht objektiv zu beurteilen. Für den Einsatz spricht, dass im anderen Falle, überliesse man Afghanistan sich selbst, die Taliban dort die Macht übernehmen würden und die so entstehende Staatsform nicht dem westlichen Demokratie- und Moralverständnis entspricht. Umgekehrt steht zur Diskussion, was den westlichen Industrienationen die Rechtfertigung gibt, ihre Auffassung von menschlichem Miteinander anderen Staaten als kanonisch aufzuprägen. Es gibt genug Punkte, in denen die westlichen Gesellschaften in ihrem innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Zusammenleben angreifbar sind.
Gehen wir davon aus, dass die zur Zeit der Griechen und Römer geprägten Werte von Humanismus und Moral, wie sie bis heute verfeinert wurden, universell sind, gibt es genügend Gründe, eine konzertierte Aktion aller Nationen in Afghanistan zu befürworten. Auf festem Grund stehen wir hier jedoch nicht.
Die aktuelle Situation in Afghanistan erfordert immer noch den Einsatz des Militärs. Hier kommen wir zum zweiten Aspekt. Aktuell werden die Todesfälle alleine als Grund angeführt, die Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Dies kann ich nur als naiv bezeichnen.
Da die Menschen im Umgang miteinander bis heute nicht gelernt haben, gewaltfrei miteinander auszukommen, muss der Staat auch unter Nutzung seines Gewaltmonopols für Recht und Ordnung bzw. für die Wahrung seiner Interessen sorgen. Dies erfolgt im Inneren durch die Polizei, im Äusseren durch das Militär. Beide Institutionen sind im entsprechenden Fall verpflichtet, auch durch Ausübung von Gewalt ihrem Auftrag nachzukommen. Gerade bei der Bundeswehr ist unter Bezugnahme auf die deutsche Vergangenheit eine derartig defensive Einstellung Pflicht, dass die Ausübung von Gewalt nur zur Selbstverteidung ernsthaft erwägt wird. Umgekehrt formuliert: Ein friedfertigeres Militär als die Bundeswehr ist kaum vorstellbar. Dennoch ist in Krisengebieten ein Risiko, in gefährlichen Situationen umzukommen, nicht von der Hand zu weisen. Dies ist, nimmt man den Einsatz als gerechtfertigt an, jedoch unabweislich. Wollte man dieses Risiko ausschalten, dürfte die Bundeswehr, und sie tut dies als NATO-Partner bzw. im UN-Auftrag ja nicht eigenmächtig, sondern auf Aufforderung, keinerlei Einsätze in Krisengebieten oder in Krisensituationen ausüben, was die Existenz der Bundeswehr mit all ihrer Waffentechnik ad absurdum führt.
Des weiteren ist das Risiko, bei der alltäglichen Ausübung seines Berufs zu Tode zu kommen, auch bei im Auto fahrenden Handlungsreisenden, bei Waldarbeitern, Medizinern, Berufskraftfahrern etc. nachweislich gegeben. Die Unfallstatistiken nicht nur auf deutschen Strassen sprechen hier eine deutliche Sprache. Der Unterschied ist nur, dass wir gelernt haben, all diese Risiken in unser tägliches Leben "einzupreisen", es zu akzeptieren, weil ein Leben ohne Risiko unmöglich ist.
Ich möchte hiermit das deutlich erhöhte Risiko der Soldaten in Krisengebieten nicht kleinreden. Doch, unter der Massgabe, dass ein Einsatz in Krisengebieten unter Abwägung aller Argumente als sinnvoll erachtet wurde, kommen wir nicht umhin, dieses potenzierte Risiko zu tragen.
Die Gegenfrage muss weiterhin erlaubt sein: Wäre kein deutscher Soldat in Afghanistan zu Tode gekommen, wie sähe dann die Beurteilung der Situation aus? Und: wieso kommen die lauten Rufe hierzulande nur, wenn deutsche Soldaten sterben und nicht bei britischen oder amerikanischen Soldaten, wo die Todesfälle längst den dreistelligen Bereich erreicht oder überschritten haben? Wo ist der Unterschied? Entweder ist jeder Tote zuviel, oder jeder Tote ist eben nur Verpflichtung, den Auftrag zur Sicherung von Stabilität und Menschenrechten in der Region mit umso mehr Vehemenz auszuführen.
Die Entsendung von Soldaten in Krisengebieten, das sei ergänzend hinzugefügt, erfordert einerseits eine klare Kommunikation der Politik an die Truppen und an die Bevölkerung, um keine Unklarheit über die Gefahren zu lassen. Eine Verharmlosung, wie sie bisher erfolgt ist, ist nicht angebracht. Des weiteren ist die Truppe natürlich in ihrer Entscheidungsfreiheit und in ihrer technischen Ausstattung so zu unterstützen, dass sie für ihre eigene Sicherheit hinreichend sorgen kann.
Auf Kommentare bin ich gespannt, ich weise ausdrücklich darauf hin, dass ich im Kern die Frage erörtere, inwieweit Todesrisiken bei als gerechtfertigt geltenden Einsätzen hinzunehmen sind oder nicht. Die Frage, ob wir in Afghanistan aktiv sein dürfen oder nicht ist wichtig und muss diskutiert werden, aber darum geht es nicht. Und ich werde hierzu auch keine abschliessende Meinung äussern, weil ich es mangels Wissen nicht kann. Zudem ist es eine Entscheidung, die auf UNO-Ebene getroffen werden muss. Ich bin schon fast versucht zu sagen: Wie hat der Staatenbund bei innerstaatlichen Krisensituationen im Grundsätzlichen zu reagieren. Was sind die Parameter, die ein Eingreifen notwendig machen?
April 10, 2010
Gesund
Kaum ist das Wetter besser, verlagert sich das Leben wieder nach draussen. Auf dem Dorf bedeutet das, dass vor und hinter dem Haus beständiges Kommen und Gehen herrscht. Die Kinder bewegen sich wie ein Bienenschwarm frei zwischen Haus, Garten und Lokalitäten wie Dorfbrunnen, Spielplatz und Bauernhof.
Ich glaube, es gibt kaum einen Platz, der mit einer derartigen Reichhaltigkeit an Erfahrungen aufwarten kann als das ursprüngliche, agrarisch geprägte Dorf. Mag sein, dass das einfach nur ein direkter Bezug zu meiner Kindheit ist, dass das Dorf, in dem ich hier von Zeit zu Zeit verweile, so sehr daran erinnert. Und auch in der Stadt, das entsprechende Umfeld vorausgesetzt, kann man genauso glücklich und vor allem behütet aufwachsen, weil das soziale Umfeld noch intakt ist - gesund eben - doch Komponenten wie Wiesen, Äcker, Wald und eben Bauernhöfe sind in der Stadt eher nicht zu finden.
Je älter man wird, desto attraktiver wird die Stadt, mit ihren vielen Angeboten, gerade auch auf intellektueller Ebene und der unglaublichen Diversität der Menschen.
Letzten Endes - das zeichnet sich ab - ist der überschaubare Kreis sozialer Kontakte die Destination, in der die Mischung aus immergleichem Alltag, durchdrungen von jahreszeitlichen Aktivitäten und der langwelligen Reifung durch Alterung den Rahmen für das Leben bietet, das erfüllt. Das Besondere tritt in einer auf den ersten Blick reizarmen Umgebung viel klarer hervor.
Was ich noch gerne ausarbeiten möchte: Arbeiten im regionalen Umfeld. Die Regionalisierung der Nahrungsmittelerzeugung und -beschaffung. Das Spannungsfeld zwischen der globalen Gleichsetzung von Lebensstandards und die sich daraus für die Industrienationen ergebenden Konsequenzen. Kann sich nur noch um Monate handeln.
Fragment 100410
Derzeit höre ich ein Hörbuch von Pessoa. Das Buch der Unruhe. Ich behalte wenig Details, mir fällt nur immer wieder auf, in welcher Dichte P. bemerkenswerte Aussagen trifft. Auch wenn ich nicht immer spontan übereinstimme, regen sie zum Nachdenken an. Wodurch ich die folgenden Sätze verpasse. Weswegen ich das Buch eigentlich lesen statt hören müsste. Das langsame Lesen, das ich mir bei Proust zueigen machen musste, benötigte ich auch hier und es steht mir nicht zur Verfügung bei einem Hörbuch. Interessante Erfahrung. Pessoa hat eine Weltsicht, in der Leid, Schmerz und andere für den "normalen" Menschen eher negativen Erfahrungen in erster Linie als intensive Emotionen beobachtet und verstanden werden. In der Monotonie ihr Gutes hat. In der es nicht auf das "Was?" des Außergewöhnlichen ankommt, sondern um das reine "Dass!" Ein merkwürdig duldsamer Beobachter des eigenen Leids, der eigenen Starre.
Ein Schlussstrich war gezogen worden. Ich war lange davon ausgegangen, dass eine gemeinsame, glückliche Vergangenheit etwas ist, das auf der Guthabenseite zu verbuchen ist. Für einige Zeit schien sich das auch zu bewahrheiten. Nun wird mir, durch eine zutage tretende Positionsänderung, diese Vergangenheit entzogen. Sie wird entwertet. Negiert. Ausgelöscht. Es ist interessant zu lernen, dass dieser Verlust, macht man ihn sich nur klar, auch ohne Schmerz erfahren werden kann. Es ist interessant zu lernen, was uns inneren Frieden gibt. Und was dazu nicht nötig ist.
February 17, 2010
Nett
Ganz leichthin verdammen wir das Wort nett. "Nett fährt im Bus" sagt man dann und meint das abschätzig. Nett halt. Man könnte auch harmlos sagen.
Nett ist freundlich.
Nett ist warmherzig.
Nett gibt das Gefühl, willkommen zu sein. Die Gesellschaft eines anderen zu bejahen.
Nett bedeutet, dem Gegenüber positiv gegenüber zu stehen und nicht cooler zu sein, distanzierter oder besser.
Nett steht für eine dem Menschen aufgeschlossene Grundhaltung.
Nett sein ist das, was ich mir von mehr Menschen wünschen würde.
Ich versuche, so oft ich kann, nett zu sein.
August 17, 2009
Wo bleibt die Ernsthaftigkeit?
Mit zunehmender Intensität rollen wir im Wahlkampf nun auf die Bundestagswahl 2009 zu. Einerseits ist alles wie immer, die Parteien bewerfen sich gegenseitig mit Schlamm, zeihen sich der Inkompetenz und behaupten, daß mit ihnen nach der Wahl alles besser werde.
Was mich in zunehmendem Masse irritiert ist, daß die vorgestellten Konzepte einerseits nicht mal mehr parteiweit abgestimmt erscheinen, sondern vor allem auf der Basis reiner Behauptungen stehen bleiben. Und genau das halte ich für problematisch. Anscheinend gehen die Parteien davon aus, daß der Bürger weder bereit noch in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Und nicht nur die Parteien, selbst unter Politikwissenschaftlern scheint derheit Meinung vor Sachverstand zu gehen. Anders ist nicht zu erklären, daß es bisher noch keine zusammenfassende Erörterung der Fragestellung gibt, ob eine Steuererhöhung nun sinnvoll ist oder nicht, bisher stehen hier nur Meinungen gegeneinander.
Ein Wahlprogramm, das neben Zielen auch seriös den geplanten Weg zu deren Erreichung aufzeigt, ist mir nicht bekannt. Weiterhin fehlt mir die Rechenschaft und Einsicht dafür, dem Bürger zu erklären, welcher Anteil beispielsweise der Arbeitslosigkeit überhaupt von einer nationalen Regierung beeinflussbar ist und welcher Anteil Produkt globaler wirtschaftlicher Entwicklungen ist. Keine Partei gesteht gemachte Fehler ein, das eigene sich-auf-die-Schulter-klopfen über die angeblich erreichten großartigen Ziele ist offensichtlich die einzige Bewertungsform eigener Tätigkeit.
Kurz gesagt entsteht der Eindruck, daß die Parteien zwar Vorstellungen haben, was man machen kann, um bestimmte Probleme zu adressieren, aber das Verständnis dafür, ob das überhaupt klappen kann, bzw. eine nachvollziehbare Argumentation dafür fehlt.
Wenn man dann noch sieht, mit welchen Themen manche regionalen Kandidaten versuchen, auf sich aufmerksam zu machen, zweifelt man ernsthaft an deren Fähigkeiten, irgendwas auf die Reihe zu bekommen. Man könnte den Eindruck bekommen, daß die Politik so langsam den Offenbarungseid leistet und sich außerstande sieht, dem, was passiert, steuernd entgegenzuwirken. Es wird von Wahl zu Wahl gedacht, der lange Atem, Ehrlichkeit und die Nachhaltigkeit fehlt mir weitgehend. Die unbequemen Wahrheiten bekommen wir nach der Wahl natürlich aufgetischt. Vor der Wahl könnte Ehrlichkeit ja Stimmen kosten.
May 5, 2009
Die Elite trifft sich...
Unter mehrheitlichem Ausschluss der Öffentlichkeit fand am Wochenende in Berlin das Politcamp 2009 in Berlin statt. Genauso wie auch die re:publica 2009 ein Event, das im wesentlichen die selbe Zielgruppe bedient: internet-affine Menschen höherer Bildung, die diese Treffen nutzen, um sich dann doch auch mal in der realen Welt zu begegnen und ihre Diskussionen nicht nur über Blogpostings und Tweets zu führen.
Nach allem, was ich so mitbekommen habe, waren das spannende Veranstaltungen, die mit Sicherheit bei den Beteiligten zu einem Erkenntnisgewinn führten. Ein Aspekt, der mich jedoch verwundert ist die Einschätzung, die bei manchen Beteiligten hinsichtlich der Relevanz solcher Veranstaltungen besteht. So wurde doch mit Enttäuschung kommentiert, daß die Politik bei durchaus wichtigen Themen wie Internetsperren oder Online-Zensur oder Wahlkampf im Web hochrangige Vertreter schickt, sondern nur die zweite oder dritte Reihe.
Und genau hier fängt das Mißverständnis an: Natürlich gehören wir, die wir mehrheitlich akademische Bildung genossen haben, mit Selbstverständlichkeit Computer und deren Anwendungen wie Email, Weblogs oder Twitter nutzen, einer Elite an. Diese Elite ist jedoch zahlenmäßig klein, und je internet-affiner wir sind, umso weniger sind wir. Da hilft es wenig, wenn in dieser Gemeinschaft einzelne bereits 2000 oder noch mehr "follower" haben oder vergleichbare Leserzahlen im Bereich Weblog. Wir sind eine Minderheit. Und wir sind keine Meinungsführer, denn wir kommunizieren mehrheitlich unter unseresgleichen. Denn wir heben uns ja von der Masse ab, die ungebildet ist, keine Ahnung von Twitter und dergleichen hat, immer noch kein iPhone nutzt, geschweige denn einen Mac.
Die Politik bzw. die Vertreter der Parteien haben jedoch ihren Job getan, wenn sie relevante Mengen von Wählern, im Millionenbereich, in Richtung ihrer Partei bewegen können. Da sind dann Veranstaltungen mit einigen Hundert Teilnehmern aus einem Kreis weniger Tausend nicht wirklich relevant, auch wenn viele schlaue Köpfe mit guten Ideen drunter sind. In diesem Zusammenhang ist es spannend, den Blogpost von @mspro zu lesen und im Vergleich dazu den Artikel auf Spiegel Online zum gleichen Thema.
Der Unterschied zu den USA, wo ein grösserer Teil der Bevölkerung das Internet als reguläres Kommunikationsmedium nutzt, und zwar jenseits von Email und Chat, tritt hier deutlich zutage. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Selbst wenn in Deutschland mehr Menschen über die neuen Kanäle wie Twitter oder Weblogs erreichbar wären, würde dies nur dazu führen, daß dem Internet als Kanal von den etablierten Parteien mehr Bedeutung beigemessen würde. Wohlgemerkt als unidirektionales Publikationsmedium.
Worauf wir jedoch wirklich hinarbeiten sollten ist, die Rate der allgemeinen Teilnahme an der politschen Willensbildung und -äußerung zu erhöhen. D.h. die Bürger zu mehr Teilnahme an der politischen Diskussion zu bewegen. Und genau das ist ein Prozess, der vielen Vertretern von Parteien eher Angst einjagen dürfte, weil bei erhöhter Beteiligung des einzelnen Bürgers der Einfluss der Parteien schwindet. Wenn die Bürger die Gelegenheit wahrnehmen, basisdemokratische Elemente wie Unterschriftenaktionen, Petitionen oder Volksabstimmungen zu nutzen oder verstärkt einzufordern, verliert die Parteiendemokratie an Gewicht. Derzeit herrscht in Deutschland jedoch eher ein Klima, in dem der Staat zu viele Maßnahmen ergreift, die "zum Besten des Bürgers" sind und wo umgekehrt der Bürger auch keine Verantwortung tragen will. Sicherheit und Absicherung sind eigentlich die zentralen Themen und nicht Verantwortung. Gleichzeitig entfremden sich Bürger und Staat zunehmend, viele fragen sich, welche Einflussmöglichkeiten sie heute überhaupt noch besitzen. Damit will ich die Wichtigkeit von Parteien nicht in Abrede stellen, sondern es geht vielmehr darum, daß die Parteien den Willen der Bürger umsetzen sollten und nicht den von Lobbygruppen. Je mehr Bürger sich äußern, umso fundierter können im Parlament politische Entscheidungen getroffen werden, die von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen und verstanden werden. Je besser die Bürger die Konsequenzen seines Handelns versteht, umso weniger Staat braucht er, der ihn beschützt.
Wenn also Veranstaltungen wie das Politcamp auch der "Offline-Bevölkerung" bekanntgemacht werden, sowas vielleicht sogar dezentral an vielen Orten stattfindet, und zwar nicht nur zu Zeiten von Wahlkämpfen, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Und genau hier sehe ich eine wesentliche Aufgabe des Staats: Dem Bürger das politische Engagement schmackhaft zu machen. Ihn zu informieren und zur fundierten eigenen Meinung erziehen anstatt zu unterhalten. Solange jedoch auch und gerade über die staatlichen Medien mehrheitlich Unterhaltung statt Information vermittelt wird, solange mehr Leute Bild lesen statt die FAZ oder die SZ, solange zur Hauptsendezeit Unterhaltung läuft statt spannend aufbereitete Information, solange es öffentliche Radiosender wie SWR3 gibt, die angesichts überbordender Privatradioangebote keinerlei Existenzberechtigung besitzen, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Wir als Netzbürger können unseren Beitrag leisten, indem wir für unsere Offline-Kontakte eine Vorbildfunktion wahrnehmen und dieses Ideal vorleben, frei von Dogmatismus und unter Respektierung anderer Menschen und Meinungen.
March 22, 2009
Der Papst und das Kondom
Zum wiederholten Mal, diesmal anläßlich seines Afrikabesuchs, wird der Papst für seine Haltung zum Kondom verdammt.
Ich versteh das nicht. Der Mann kann nicht anders. Spezifisch die katholische Kirche ist groß darin, die Bibel sehr traditionell auszulegen. Genau darin unterscheidet sie sich stark von anderen christlichen Kirchen. Sei es nun der Zölibat, keine Frauen als Priester oder eben das Verbot außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Nimmt man letzteres als Prämisse ist klar, daß Kondome schädlich sind, weil sie nämlich den außerehelichen Geschlechtsverkehr erleichtern. Und zudem Sex mit einer anderen Bestimmung als der Fortpflanzung ermöglichen.
Daß das alles nicht zeitgemäß ist, weil diese Positionen auf einer Literatur beruhen, die 2000 Jahre alt ist und zu deren Zeit solche Regeln sinnvoll waren, ist offensichtlich. Aber wenn eine Kirche auf dem Standpunkt steht, ihr Fähnlein nicht nach dem Winde zu hängen und jedem Zeitgeist zu folgen, dann ist das erstmal ihr gutes Recht. Jeder, der das nicht mehr teilen mag, kann aus der Kirche austreten.
In Afrika ist die Position der Kirche mit Sicherheit bedenklich, weil die große Mehrheit der Menschen an der unteren Stufe der Bedürfnispyramide sich stärker von spirituellen Führern beeinflussen läßt als wir in unserer gesättigten, säkularisierten und individualisierten Umgebung in den Industriestaaten.
Würde die katholische Kirche sich reformieren, wäre sie evangelisch. Das ist ja gerade vor ein paar hundert Jahren passiert mit bekanntem Ausgang.
Daher halte ich es für schwierig, hier auf eine Änderung zu hoffen. Gesunder Menschenverstand hilft da leider nicht weiter. Die katholische Kirche begründet ihre Position auf einem Ideal, nicht an den Bedürfnissen der Realität. Der Mensch hat sich in der Sichtweise der Kirche nach dem Ideal zu richten, nicht die Haltung der Kirche nach der Realität.
Daß das in Afrika verheerende Folgen hat, sehen wir. Umso wichtiger ist eine umfassende säkulare Erziehung der Menschen, eine Aufklärung, die es ihnen erlaubt, in vollem Bewußtsein Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, die nicht einfach nur Produkt von Indoktrination sind. Leicht gesagt angesichts der Lebenssituation vieler Menschen in einem Umfeld, in dem Bildung bei akutem Mangel an Wasser, Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und Sicherheit ein entbehrliches Luxusgut ist.
Dennoch dürfen wir nicht vergessen, daß die Grundprinzipien und Ideale nicht nur der katholischen Kirche gut und richtig sind. Wir sollten uns also hüten, uns nur die Regeln rauszupicken, die uns passen, weil wir uns eh schon dran halten. Umgekehrt ist die hohe Meßlatte auch Garant dafür, daß die Umsetzung auf einem bestimmten Niveau erfolgt. Pragmatisch gesehen.
March 4, 2009
Colliding positions or: What do we really know?
Recently I was involved in some talks in two different groups of people. Those two groups had opposing views towards a certain issue (no matter, what it was). Normally you would be inclined to take sides on any one of those two views. In that case I was left completely lost somewhere inbetween because I was no expert in that domain. Both sides' arguments sounded just right and they were conclusive. As a matter of fact, if there is a domain that is heavily disputed two things come together: The foundation of arguments presented as facts and their interpretation leading to a certain opinion.
I'm having difficulties developing any opinion at all in fields mentioned above (which, for me, cover more than 99% of all disputable topics). First, if you are no expert it is hard to verify any fact presented to you, as an argument is only worth as much as the underlying assumption it is based upon. If you can't verify the assumption the argument is only true so far as the path from assumption to the argument is logical. Second, interpreting the given arguments in order to build a view, attitude or opinion is the next source of possible error as you may misinterpret what's given to you.
So eventually you could still have an opinion built upon your personal experience which basically leads to wrong conclusions as single experiences can't necessarily be generalized.
As a conclusion I should tend to reduce the intensity I defend a view on a certain issue by the level of proven foundation it is built upon. Moreover I wonder if having a certain attitude at all is purposeful when trying to solve a problem with lots of unknown variables. It might prevent you from taking new approaches and learning drastically different things.
Does that mean you should have no opinion on topics you are no expert in? Surely not but you should know that your opinion in this case is mostly rooted in your personal history, education and preferences. It is arbitrary and as such rarely worth being defended or, even worse, imposed on others. In contrary, it is matter to examination and through means of discussion could be refined or altered based on newly gained knowledge.
Add to that the fact that nearly every day I discover new things in my very domain that I wasn't aware of previously - which actually reduces the absolute amount of knowledge I have accordingly and you get what I'm talking about. Knowledge is delusive.
March 2, 2009
Moorgestraich
The weirdly named thing is an event that occurs in Basel the next Monday after the end of Carnival. At 4 am all lights go out and a strange parade of light carriers, pipers and drummers takes place that is the start for 3 days of a very special version of carnival.
Since it starts at 4am it is particularly employer friendly as most people come in time to their day job. Productivity may be lower due to a hangover depending on the amount of night's sleep and the inverse relation to the alcohol consumed. Nevertheless it leaves a lasting, addictive impression which explains why tens of thousands of people quietly get to the spots the nearly equally many thousands of actors pass by. It seems as if there are more tourists among the bystanders than people from Basel as most true Basel-born people take part in the parade.
The drums being played give the impression of power, darkness and doom whereas the pipes are light, shrieking and give way to a shrill optimism that may be related to the celebration of the end of the pest that took place in Basel several centuries ago as in other cities in Europe. The sujet framed boxes relate to local issues but sometimes they have a broader take on certain things.
See for yourself and don't miss next year's Moorgestraich.